Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
 Universitätsmedizin Leipzig

Klinikgeschichte

Auf dem Gebiet der Psychiatrie kann die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig auf eine einmalig lange und besonders bedeutsame Tradition zurückblicken. So nahm sie als akademische Fachwissenschaft von hier ihren Ausgang, indem hier der erste Lehrstuhl für eine seelen- und nervenheilkundliche Disziplin errichtet worden war.

Ab 1806 nahm sich besonders Johann Christian August Heinroth des Unterrichts der seelenheilkundlichen Disziplinen an und erhielt am 21. Oktober 1811 ein Extraordinariat für »Psychische Therapie«. Er war ein sehr vom protestantischen Christentum durchdrungener Mensch, was in seinem Konzept psychischer Gesundheit und Krankheit offenbar wird. Seelenstörungen, worunter er ausschließlich endogene Erkrankungen verstand, basierten auf der Abkehr von den vorgegebenen ethisch-christlichen Verhaltensgeboten und der Orientierung des Lebens auf die Befriedigung irdischer Bedürfnisse und Leidenschaften. Da die Ursache somit in einem in seiner Gesamtheit verfehlten Leben läge, verspräche eben nur ein grundsätzlicher Wertewandel Heilung. Demzufolge bewertete Heinroth die psychologische Beeinflussung, also eine religiöse Psychagogik, als die nachhaltigste und vielversprechendste. Diese Psychotherapie bildete für Heinroth das Mittel der ersten Wahl und er stellt sie in seinen Ideen zu einer direct-psychischen Methode in seinem 1818 vorgelegten »Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihrer Behandlung« dar. Nach Heinroths Tod 1843 wurde der Lehrstuhl für psychische Therapie Justus Radius neben anderen Fächern mit übertragen. Wenngleich er im Laufe der Jahre keine explizite Erwähnung mehr fand, blieben vor allem durch Radius psychiatrische Kollegien in den Vorlesungskatalogen als regelmäßige Lehrangebote erhalten.

Das wieder eingerichtete psychiatrische Extraordinariat sowie das Direktorat einer neu zu erbauenden Universitäts-Irrenklinik erhielt schließlich 1877 der Hirnanatom Paul Flechsig. Er zeigte sich denn auch als extremer Vertreter der 'hirnpsychiatrischen Schule', die die Ursachen aller Geisteskrankheiten in organischen Hirndefekten sah.

Die offizielle Eröffnung der Universitäts-Irrenklinik fand am 2. Mai 1882 statt. Sie wurde am damaligen südöstlichen Ende des Stadtgebietes an der Ecke Windmühlenweg (heute Philipp-Rosenthal-Straße) / Johannisallee, am Rande des im Bau bzw. in Planung befindlichen Klinischen Viertels, erbaut. Flechsig war in ihre Konzeption einbezogen und er suchte die modernen Ideen einer Klinik als 'Stadtasyl' einzubeziehen. Bis zum 31. Dezember 1886 hatte die Klinik 1.894 Patienten versorgt, mit Ausklang der 1880er Jahre war sie hinsichtlich der Aufnahmen eine der größten psychiatrischen Institutionen ihrer Art des Deutschen Reichs geworden.

Das ärztliche Personal bildeten neben dem Direktor, der zugleich Lehrstuhlinhaber und seit 1884 auch ordentlicher Professor war, zwei Assistenzärzte. Diese Stellen besetzten als erste Emil Kraepelin und Georg Lehmann.

Mit der Berufung von Oswald Bumke wurde ein markanter Richtungswechsel eingeleitet. Bumke war Vertreter einer zwar immer noch vorwiegend somatisch orientierten Psychiatrie, jedoch bezog er psychologische und soziogenetische Überlegungen mit ein. Nach den von ihm eingeleiteten Umbauten verfügte der psychiatrische Bereich der Klinik über acht Abteilungen mit 20 Krankensälen und 38 Einzelzimmern, worin zusammengenommen 214 Betten Platz fanden. Weiterhin standen mehrere Aufenthaltsräume, so zum Beispiel ein Billard- und ein Musikzimmer, zur Verfügung. Bumke setzte durch, dass in der ganzen Klinik auf Zellen, Gitter und so weit wie möglich auf Zwangsmittel verzichtet wurde, auch in den unruhigen Abteilungen, in denen Dickglasscheiben und therapeutische Dauerbäder installiert wurden.

Die eingeleiteten Veränderungen mit Leben zu erfüllen überließ Bumke seinem Nachfolger Paul Schröder. Obgleich er Anhänger einer psychiatrischen Schule war, die eine allseitige, also auch soziale Annäherung an den Kranken suchte, überwogen in der Behandlungspraxis doch somatisch-pharmakologische Therapieverfahren: Bei der progressiven Paralyse die Malariafieberbehandlung sowie ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre die Insulin- und Cardiazolmedikation bei endogenen Psychosen. In Leipzig widmete sich Schröder besonders der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hier baute er auf die 1923 von Richard Arwed Pfeifer eingerichtete kinderpsychologische Beratungsstelle auf. Diese bildete er zu einer »Abteilung für jugendliche Psychopathen« um.

Da vorwiegend für die Erstaufnahme der Patienten zuständig, war die Leipziger Universitätsklinik als Institution nicht direkt in die Tötungsverbrechen der NS-Psychiatrie an ihren Patienten verwickelt. Unstrittig erscheint aber, dass ihre Direktoren davon wussten. So war Schröders Nachfolger August Bostroem zumindest seit Juli 1940 über die Maßnahmen zur »Vernichtung lebensunwerten Lebens« unterrichtet und stellte sich auch nicht grundsätzlich gegen sie. Darüber hinaus waren Schröder sowie einige seiner Assistenten Mitglieder am Leipziger Erbgesundheitsgericht und entschieden mit über Zwangssterilisationen. Bostroem beschäftigte sich anfänglich mit hirnmorphologischen und neurologischen Fragen, später wandte er sich psychiatrischen Alterserkrankungen und neurotisch-psychopathischen Störungen zu. Im Herbst 1942 wurde er beauftragt, im besetzten Straßburg wieder eine deutschsprachige Universitätspsychiatrie einzurichten.

Der seit 1940 als Oberarzt in der Klinik tätige Werner Wagner führte sie von 1942 bis 1946 kommissarisch durch die schwersten Kriegsjahre, die sich auf die institutionelle Basis der Leipziger Universitätspsychiatrie verheerend auswirkten: In der Nacht zum 4. Dezember 1943 wurde die Psychiatrische und Nervenklinik beim großen Bombenangriff der Alliierten auf Leipzig völlig zerstört. Da keine Mittel für einen Wiederaufbau vorhanden waren, wurde die Klinik im Laufe der folgenden Jahre dezentralisiert und notuntergebracht: Die Psychiatrischen Stationen wurden in der Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen eingerichtet. Es bedurfte in der Tat eines Organisationstalentes wie Richard Arwed Pfeifer, um diese Mängel sowie die allgemein herrschende Notlage für die Patienten nach und nach zu beheben. Die Leipziger Tradition der Hirnforschung fortsetzend, errang Pfeifer gerade auf diesem Gebiet Weltruf. Er gilt als Begründer der Angioarchitektonik des Gehirns, weil er wesentliche Beiträge zur Klärung der Gefäßverteilung und -zusammenhänge erbrachte. Als Ergebnis konzipierte Pfeifer Landkarten des Gehirns. Um So höher darf man seine institutionelle Wiederaufbauarbeit für die Leipziger universitären Neurodisziplinen bewerten.

1952 ging das Direktorat der Klinik auf Dietfried Müller-Hegemann über. Sein wissenschaftliches Grundkonzept beruhte auf der Beachtung von Umwelteinflüssen und der Beurteilung sozialer Faktoren bei der Entstehung von Störungen, besonders von Neurosen. Damit eröffnete maßgeblich er für die DDR-Psychiatrie einen neuen Blickwinkel, der den psychisch Kranken in seiner Stellung in der Gesellschaft und im therapeutischen Prozess betrachtete. Internationales Aufsehen erlangte der vielleicht bekannteste DDR-Psychiater jener Jahre durch das Konzept der »aktiven Psychotherapie« worunter er die eigene Beteiligung des Patienten an seiner Gesundung verstand. Jedoch verwickelte sich Müller-Hegemann in unauflösbare Widersprüche, sowohl hinsichtlich der praktischen Umsetzung seiner Ideen in der eigenen Klinik als auch hinsichtlich der von ihm betriebenen Unterordnung der theoretischen Grundlagen des Faches unter die ideologischen Vorgaben des DDR-Systems.

1965 bis 1968, zu Beginn des Direktorats und Ordinariats von Bernhard Schwarz, wurde die Psychiatrie sowohl hinsichtlich der Klinik als auch des Lehrstuhls von der Neurologie und der Kinderneuropsychiatrie getrennt. Schwarz, aber vor allem Klaus Weise setzten nun ihre sozialpsychiatrischen Ideen in ihrer Klinik und in dem sie umgebenden universitären sowie städtischen Umfeld um. So etablierten sich in den 1960er Jahren Therapieprogramme, die neben der medikamentösen psycho- und soziotherapeutische Programme umfassend einbezogen. Das von ihm mit herausgegebene Buch »Sozialpsychiatrie in der sozialistischen Gesellschaft« stellt aber vor allem deswegen einen wichtigen Markstein für die gesamte deutsche Sozialpsychiatrie dar, weil es für sie eine theoretische Fundierung anbot: eine Marxistische. 1975, mit der Einführung der Sektorisierung der psychiatrischen Versorgung in Leipzig, änderte sich das Patientenprofil der Klinik radikal: einer Halbierung der Zahl von Schizophreniepatienten und Affektpsychotikern stand ein überproportionaler Anstieg der Zahl gerontopsychiatrischer und neurotischer Patienten gegenüber.

Mit der Fertigstellung des Bettenhauses des Universitätsklinikums 1984 erfolgte der Wiedereinzug der stationären und tagesklinischen Bereiche in das Klinische Viertel in der Liebigstraße. Weitere, ganz wesentliche Verbesserungen der Patientenversorgung konnten unter Matthias C. Angermeyer, seit 1995 Direktor und Ordinarius, umgesetzt werden und die Klinik erreichte den Standard vergleichbarer westdeutscher Einrichtungen: 1999 wurde die fakultativ offen oder geschlossen geführte Akutpsychiatrische Station (Psy 4, Liebigstr. 22b) eröffnet, und im Jahr 2000 wurden völlig neue Räume für die Tagesklinik und die Ambulanzen in der Johannisallee 20 in Betrieb genommen. Unter Angermeyers Leitung entwickelte sich die Klinik zu einer national wie international renommierten Forschungseinrichtung für Public Mental Health. Wichtige Meilensteine waren dabei die Etablierung von C3-Professuren für Public Health und für Gesundheitsökonomie. Solcherart, an eine psychiatrische Klinik angeschlossene Lehrstühle existieren nur in Leipzig. Im Laufe weniger Jahre konnte sich so ein Zentrum für sozialwissenschaftliche Forschung etablieren, in dem Psychiater, Psychologen, Soziologen, Ökonomen, Gesundheitswissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Philologen und Historiker eng miteinander zusammenarbeiten. Der Schwerpunkt lag auf der Grundlagenforschung und weniger auf der angewandten Forschung. Angermeyer legte dabei großen Wert auf eine feste theoretische sozialwissenschaftliche Verankerung sowie auf ein hohes methodisches Niveau, wobei neben quantitativen auch qualitative Verfahren der Sozialforschung zur Anwendung kamen. Thematisch standen besonders die Epidemiologie, Forschungen über Einstellungen und Stigmatisierung, Lebensqualität, Angehörige, Versorgung und Gesundheitsökonomie im Mittelpunkt.

Angermeyer wurde 2006 emeritiert. Unter dem neuen Lehrstuhlinhaber und Direktor Ulrich Hegerl wird einerseits der sozialpsychiatrische Forschungsbereich durch mehrere Großprojekte (Kompetenznetz Depression, Suizidalität, Deutsches Bündnis gegen Depression, European Alliance Against Depression) erweitert. Andererseits wird ein neurobiologischer Forschungsbereich aufgebaut, u.a. mit Hirnfunktionsdiagnostik mittels EEG, kombiniert mit PET und fMRT und den klinischen Forschungsschwerpunkten im Bereich depressiver Erkrankungen, Zwangsstörungen und Alzheimer Demenz.

 
Letzte Änderung: 14.04.2014, 13:38 Uhr
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